Yogasūtrani

Yoga beginnt neu entdeckt zu werden: nicht als indische Kuriosität, sondern als philosophisch, psychologisch und biologisch/medizinisch begründetes, eigenständiges praktisches und konzeptuelles Verfahren. Die Yoga-Sūtren (sanskr. Yogasūtrani) sind das möglicherweise wichtigste indische Textdokument. Sie sind weltweit als konzeptuelle Grundlage zusammen mit der Yoga-Praxis einzigartig. Ein Sūtrentext ist der einzige zentrale Text eines Wissensgebiets. Der Text enthält alles was zu sagen und zu regeln ist.

Eine außerordentlich wichtige Entdeckung ist die nutzenbringende Verwendung der persönlichen Aufmerksamkeit zum Bewirken von Effekten. Die Absichten des Yoga-Lernens ergeben sich aus der Kenntnis des Fundus von Yoga-Wissen. Aus ihm können die für das Eigene als bedeutsam erkannten Themen und Ziele abgeleitet werden. Yoga wird in der ältesten Quelle des Āyurveda (vor etwa 2000 Jahren), im Text des Autors Caraka als Bestandteil der Gesundheitslogik angegeben. Yoga ist ein Mittel und eine Maßnahme (auṣadha), neben Nahrung, Schlaf, um Gesundheit zu stimulieren, ein Teil der Logik von Gesundheit. Medikamente gelten als Mittel bei Krankheit, ein Teil der Logik von Krankheit.


Der Kernbegriff der Yogasūtren
Citta Vṛtti Nirodha


In dem vor etwa zweitausend Jahren formulierten und zunächst von Lehrer zu Schüler interaktiv „von Mund zu Ohr“ sprachlich gefassten, für die Lehr-Lern-Situation gedachten ersten und bedeutsamsten Text des Yoga, den Yogasūtren des Patañjali, wird Yoga definiert. Das erste Sūtra lautet: Jetzt beginnt die Schritt für Schritt Erläuterung von Yoga. Es fordert zum Beginnen mit Yoga auf. Der Sūtrenstil des Texts gibt in kurzen formelartigen Teilsätzen am Beginn die zentralen Definitionen von Yoga, die im Verlauf des Texts genauer erläutert wird. Das zweite Sūtra lautet: Sie Yogah Citta-Vṛtti-Nirodha (YS I.2).

»Nirodha« (von sanskr. ni, »hinein«, und der Verbalwurzel rudh, »zurückhalten, hineinbremsen, eindämmen«) ist einfach übersetzt die Beruhigung. Es gilt das Gedachte und Erlebte, die Denk- und Erlebnismuster nachhaltig einzudämmen und den Übergang in eine neue Prozessphase zu ermöglichen, um dadurch ihren Einfluss zu unterbrechen. Ein Damm zur Bewässerung ist in Indien ein Musterbeispiel für das Hineinbremsen von Wasser, damit es eine beabsichtigte Richtung nimmt und auf die Felder gelangt.

Die »Vṛttis« (von sanskr. vṛt, »drehen, rollen, vor sich gehen«) sind Aktivitäts- und Verhaltenszustände, die eilig vor sich gehen, sich im Kreis drehen und einfach ablaufen, vergleichbar Strudeln im Wasser. Die verschiedenen Formen werden später aufgeschlüsselt. »Citta« (sanskr. citta1, »das Gedachte, das Erlebte«) ist ein Partizip Perfekt. Dieses Treffen der Unterscheidung zwischen Vergangenem und dadurch zu einem Muster gewordenem und gegenwärtigem aufmerksamen Denken, Wahrnehmen und Beabsichtigen macht den Kern der Definition von Entspannung in Yoga aus. Es geht also um eine konzeptuelle und praktische Kontrolle der Störfaktoren, um ein "Reinigen"; es geht darum, Freiheit (mukti2/vimokṣa, »befreit«) in die bisherige Lebensgeschichte zu bringen.

Das heißt, wenn alles, was stören könnte, die Citta-Vṛttis, die begrenzten Denkweisen und Gemütszustände, die aus dem Fundus von Citta kommen, nicht mehr behindern, ist Freiheit vorhanden, ist Offenheit und Aufmerksamkeit für die Gegenwart gegeben. Eine geeignete, korrekte Kultivierung, die nicht Gewolltes nach und nach beseitigt und Gewolltes erreicht, ist das Ziel. Ein klassischer Vergleich ist das Reinigen von Gold. Die »Aufmerksamkeitskraft« (sanskr. citśakti, »die Kraft, Wirkung, Potential« von cit, »aufmerksam zu sein«) kommt dann zum Vorschein. Ein absichtsvoller Prozess, der sich mit Hilfe eines inneren „Kraftvorrats“ ereignen kann. Es ist ein Glücksfall wenn citen möglich wird.

Ein weiteres klassisches Bild ist ein ruhiger See ohne Wellen. Die Vṛttis, die Bewegungen der Wellen, die etwas Rollendes haben und die Unruhe darstellen, sind eingedämmt. Śavāsana gilt als besonders schweres Āsana, da es darauf zielt, dieses Drehen im Kreis zu beenden. Eine einfache Beobachtung des Yoga ist es, dass dauerhaft verspannte Muskeln sich auch beim Hinlegen nicht leicht entspannen lassen.


Die drei Sutren zu Āsanas
Yoga-Sutra II. 46-48:

sthira-sukham āsanam: stabil und angenehm (ist ein) Āsanam (stabile Prozesse, die reibungslos Ablaufen und einen angenehmen Raum erzeugen heißen Āsanam; a-sthira ist instabil, zerstreut, su heißt leicht, gut, sehr, angenehm; kha ist der Raum, ursprünglich der Raum des Rads für die Achse)

prayatna-saithilyānanta-samāpattibhyām: (zustandegebracht) durch Aufwandsreduzierung und nichtendende zusammenpassende vollständige Integration (prayatna-Absicht-Aufwand-Zielerreichung, śaithilya - die Anspannung fällt ab, sam-ā-pat –zusammenpassend vollständig integriert/verbunden

tato dvandvānabhighātaḥ: daraus entsteht: keines von beiden (von Gegensatzpaaren dvandas, wie heiß–kalt, angenehm-unangenehm) erzeugt (Schicksals-)Schläge (nicht heiß, nicht kalt, nicht beide zusammen), a –nicht, abhi - hin,zu, han –schlagen, attakieren, stressen

Ein philosophisch und praktisch anspruchsvolles Konzept. Philosophisch geht es darum die inneliegende Logik zu berücksichtigen: Der sichere sozio-psychosomatische Platz/innere Raum, der zunächst mit Aufwand angestrebt wird. Ist er erreicht, wird es leicht. Die inneren und äußeren Belastungen, Überlastungen und Schläge, modern der Stress werden ersetzt durch yogische Muster. Dadurch entsteht der Wechsel: aus schwer wird leicht. Die zwanzig ayurvedischen Qualtität (gunas) und andere Dimensionen (nützlich-unnütz, angenehm-unangenehm) bleiben nebeneinander bestehen ohne sich negativ zu beeinflussen. (Die kühle Kopf/Stirn und die warmen Füße bestehen gleichzeitig und im gleichen inneren Raum). Praktisch geht es um die nichtendenden qualitätsvollen Aktionen die den Bewegungsapparat, die inneren Organe, die Sinne, das Psychisch-Emotionale und das Bewusstsein umfassend zusammenpassend zur Integration zu bringen.


Die welken und die nicht-welken Zustände:
Die zehn Vṛttis


Es gibt jeweils fünf verschiedene Muster (vṛttis) die »welk« (sanskr. kliṣṭa »belästigt, in Not, gestresst, welk, Leiden verursachend«) sind und akliṣṭa »nicht-welk« (sanskr. a »Negativpartikel«, kliṣṭa »welk«) sind. Die welken sollen reduziert, die nicht-welken die yogischen Muster ausgebaut werden.

Die fünf nicht-welken sind: pramāṇa (von der Verbalwurzel √mā » messen, „hervorgemessen“, Erkenntnismittel, gültiges hervorgemessenes konkretes Wissen«), viparyaya (von vi + pari + Verbalwurzel von √i » gehen, „darum herum gehendes“ Wissen, Kontext, Wissen das dem Ziel nahe ist«), vikalpa (von vi + Verbalwurzel von √klp »Phantasie, Alternativen, Möglichkeiten, Vermuten«, die gedachten, noch nicht verwirklichten Konzepte), nidrā (von ni + Verbalwurzel von √drā »schlafen, einschlafen, im Schlaf sein«), die erwünschten Effekte guten Schlafs, smṛti (von der Verbalwurzel √smṛ »erinnern, die Erinnerung«).

Die fünf welken vṛttis sind: avidyā (von sanskr. a »neg. Partikel« + Verbalwurzel von √vid »wissen; das Nicht-Wissen, die Unkenntnis«), asmitā (»Ichbinheit«), rāga (überbewerten des Angenehmen), dveṣa (überbewerten des Unangenehmen), abhiniveśa (von abhi + ni + Verbalwurzel von √viś »„zu hinein treten“, Scheuklappendenken, engstirniges Festhalten insbesondere am Leben«). Von den welken Zuständen ist das Fehlen von yogischem Grundwissen und praktischen Grundkenntnissen »Avidyā« der „Nichtwissenszustand“ der Überbegriff.

Hier wird der yogische Ansatz zur Stressbewältigung und Entspannung deutlich sichtbar. Mental-emotionale Muster gilt es zu erkennen und als veränderbar einzuordnen. Yoga ist ein Beruhigungsmittel für innere Unruhe, die aus Überbewertung der Vorlieben und Abneigungen, aus unklaren Vorstellungen vom eigenen Ich und vom Scheuklappendenken kommen. Die fünf „nicht-welken“ Zustände sind nützlich, auch wenn sie nicht das letztendliche Ziel sind. Schlaf ist ein Entspannungszustand bester Qualität. Gelingt es, an entspannenden und regenerierenden Tiefschlaf bewusst anzuknüpfen, so gelingt das »Entspannungs-Āsana« besonders gut.

Alle zehn Zustände können dazu führen, dass Menschen sich im Kreis drehen, sich in symbolischen Denkschleifen bewegen, die ihre Gegenwart beeinträchtigen. „Die Frau, die nicht auf einem Bein stehen konnte“ macht fallbeispielhaft das Drehen im Kreis sichtbar: „Eine etwas 35-jährige Frau konnte trotz länger geübten Einbeinstand nur für kurze Zeit auf einer Seite stehen. Das ist ungewöhnlich, da normalerweise zu erwarten ist, dass nach einigen Monaten Muskeltraining sich das Stehen auf einem Bein verbessert (Stork 1990). Bei einem einwöchigen Yogaseminar erinnerte sich die Frau in der Nacht an den Beinbruch, den sie als kleines Kind erlebt hatte, und wie sie von den anderen Kindern nach Hause geschleppt worden war. Von da an konnte die Frau normal auf diesem Bein stehen. Dies war auch dank ihrer vorausgegangenen tiefenpsychologischen Psychotherapie einfach für sie zu verarbeiten.“


Die zwei Vorgehensweisen des Yoga

Alle zehn Zustände können nach den Yogasūtren durch zwei Vorgehensweisen beruhigt werden. Durch »Abhyāsa« der ständige Verbesserungsprozess und »Vairāgya« (das nicht-hineinsteigern), Genauer: Durch »Abhyāsa« (sanskr. abhi »eine Bewegung geht in Richtung, herbei, sich zum Gegenstand der Beschäftigung hinsetzen, einüben, auf yogische Muster ausrichten und stabilisieren« + as »sitzen, sich befinden in«, abhyāsa »seine Aufmerksamkeit ausrichten«) und »Vairāgya« (von vai »ohne, frei von«, und raga »einfärben«, -ya »-sein«, Uneingefärbt-sein, sich nicht reinsteigern, den Zusammenhalt nicht verlieren«).

Seine Aufmerksamkeit ausrichten (abhyāsa), sich zum Gegenstand der Beschäftigung setzen; diese Vorgehensweise bedeutet Wissen aus der Yogatradition über den Gegenstand haben und einen eingeübt effektiven Aufwand betreiben, um die Yogaaufgaben zu meistern. Sie bestehen in angestrebten Aktivitäts- und Entspannungszuständen. Diese Ausrichtung ist zunächst mental-emotional und erfordert die zur Erreichung der Yogaziele nötigen inneren Haltungen. Es geht um die Erstellung der Yoga-Grundlage mit den entsprechenden Qualitätskriterien. Eines ist eine willkommen heißende Einstellung (sat-kāra von sat »Bewillkommnung, Freundlichkeit« von sat »seiend, existierend, vorhanden, stattfinden« und kāra »Macher«) die mit einer guten Bedienung illustriert wird, die den Gast freundlich bedient.

Die zweite Vorgehensweise ist, den Zustand „Uneingefärbt“ zu erreichen (vairāgya). Das „Einfärben“ wird verglichen mit einem Färbeakt, es geht dabei um psychosoziale Beeinflussungen, angezogen sein von, gefangen sein von, aufgeregte, gereizte, erregte Stimmung. Eingefärbt sein ist indisch gesehen, das geprägt sein von starken Emotionen und Eindrücken, von undurchdachten, unbewältigten und unbrauchbaren Routinen. Starke Gefühle können verfärben, müssen es jedoch nicht. Die Aufforderung ist also, sich nicht in Themen, Dinge etc. „Hineinsteigern“, sondern ihnen sozusagen unaufgeregt ins Auge zu sehen. Es ist die Suche nach Unabhängigkeit, die verglichen wird mit einem kleinen Kind, das stark an die Mutter gebunden ist und selbständig werden kann, indem es sein Eigenes findet und sich in einem positiven Sinn vereinzelt, unverfärbt ist. Die Suche nach Unabhängigkeit wird hier gezielt negativ beschrieben, da die Yogasūtren vermeiden wollen, dass jemand von außen einer Person vorschreibt, was Freiheit ist. Musterbeispiele für das Erlernen dieser von innen kommenden Freiheit sind die in Āyurveda beschriebenen „Rufe der Natur“ wie etwa Hunger, Durst, Müdigkeit, Darm- und Blasenentleerung. Diese „Rufe“ wahrzunehmen, zu berücksichtigen und zu rhythmisieren verhilft zu Entspannung. Tasāsana machen heißt, sich hinstellen und den Situationen des Lebens ins Auge schauen.

Diese beiden Vorgehensweisen sind dem Aufbau yogischer Erfahrung gewidmet. Beide ermöglichen, so die Yogasūtren, das „Einbremsen, Eingrenzen (nirodha)“ des Erlebten und Gedachten und damit die Entspannung. Von daher wurde die Entspannung des Yoga als Zustandsform angegeben, die sich von den zehn Zuständen unterscheidet. Die vereinfachten Übersetzungen „üben und loslassen“ werden den Yogasūtren nicht ganz gerecht.


1 Von der Verbalwurzel cit, »wahrnehmen, sein Augenmerk hinrichten/ausrichten, Acht haben auf, konzentrieren, aufmerksam sein, beobachten, beabsichtigen, aufwachen, verstehen«. Ein unübersetzbares Verb, das denken und fühlen, wahrnehmen, handeln in ihrem gemeinsamen Ursprung bezeichnet und das ich daher vorschlage im Deutschen zu verwenden: citen.
2 Befreien, entspannen, ausspannen (vimukti) wird in Saṃkhya expliziert: Wie die Milch für die Ernährung des Kalbs in der Kuhmutter frei wird, so befreit Prakṛti.